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Ein Stück Heimat retten

heimat streuobstwiese Motiv 1

„Das hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann mal einen Apfelbaum als Patenkind bekomme“, sagt Landrat Frank Scherer und blickt an diesem Dienstagmorgen fasziniert in das dichte Grün des über und über mit Äpfel behangenen Baums auf der #heimat-Streuobstwiese in Sulz. Die zuletzt mächtig runtergekommene Wiese wird derzeit von der Redaktion des Magazins #heimat Schwarzwald und der Ottenheimer Südstraßenbrennerei wieder aufgepäppelt. Bei der Rettungsaktion können alle Interessierten eine Baumpatenschaft ersteigern, das Obst anschließend selbst ernten und verwerten oder sich daraus Schnaps, Most oder Apfelsaft machen lassen. Der gesamte Erlös geht eins zu eins in die Baumpflege.

Apfelmus, Kuchen, Saft, Most, Schnaps: Was er denn mit den reifen Äpfeln im Herbst machen wolle, will #heimat-Redaktionsleiter Stephan Fuhrer wissen. „Am besten lassen wir einen Schnaps draus brennen, den wir dann in meiner Stabsstelle verkosten werden“, meint der Landrat. Ein Glück, dass Südstraßenbrenner Lutz Weide, der zusammen mit Fuhrer und der Streuobstwieseneigentümerin Melanie Rombach die Idee für die Patenschaften entwickelt hat und die Wiese als Baumwart betreut, dem Landrat vor Ort gleich die wunderbarsten Varianten aufzählen kann: sortenreine Brände, Tresterbrände, Fasslagerungen. „Die Möglichkeiten, was man aus unserem Streuobst alles Wunderbares zaubern kann, sind so vielfältig wie die für unsere Kulturlandschaft so wertvollen Kleinode selbst“, sagt Weide. Doch der Bestand der Ortenauer Streuobstwiesen ist in Gefahr. Schon seit Jahrzehnten sinkt er kontinuierlich. Allein in der Ortenau stehen rund 900.000 Bäume auf einer Fläche von 10.000 Hektar. 1965 waren es noch doppelt so viele. Aber auch bei den noch bestehenden Beständen sieht es nicht gut aus: Gut die Hälfte der ertragsfähigen Bäume wird gar nicht mehr gepflegt, 35 Prozent nur noch unregelmäßig, wie eine Untersuchung des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2005 zeigte. „Inzwischen hat sich die Situation weiter verschlimmert“, sagt Hansjörg Haas von der Beratungsstelle Obst- und Gartenbau des Landratsamts Ortenaukreis, der als Experte ebenfalls auf die Sulzer Streuobstwiese gekommen ist. Das Ende des Branntweinmonopols trägt dazu auch noch seinen Teil bei.

Für die Redaktion des Magazins #heimat, dem Genussbotschafter für den Schwarzwald, war dies Anlass genug, zumindest den Anfang einer Rettungsaktion zu wagen. „In unserem Magazin geht es um Genuss, und dieser ist untrennbar mit Themen wie Nachhaltigkeit und Regionalität verbunden. Wer nicht möchte, dass irgendwann nur noch Obst aus Spanien oder Israel in den Supermarktregalen liegt, der muss einfach irgendwann für unsere heimische Obstkultur einstehen“, sagt Fuhrer. Schließlich gebe es hier in der Ortenau die besten Voraussetzungen für leckeres Obst. Für diese alte Kulturlandschaft steht auch Landrat Frank Scherer ein, der nun eine von 15 Patenschaften für einen rund 30 Jahre alten Apfelbaum übernommen hat und damit ein Zeichen setzen möchte: „Die Streuobstwiesen gehören in diese Region. Sie zu schützen, sollte in unser aller Interesse sein“, sagt er.

Der Landrat weiß natürlich: Hier geht es nicht nur um ein paar Äpfel. Streuobstwiesen übernehmen wichtige Aufgaben und tragen einen Teil zum Erhalt unserer Kulturlandschaft bei. Sie schützen vor Bodenerosion und wirken sich positiv auf unsere Gewässer und das Kleinklima aus. Zudem dienen die Bäume und Wiesen der Landschaftspflege und der Offenhaltung von Flächen. Gerade alte Bestände bieten dabei auch Schutz für jede Menge Tiere. Und dann liefern sie ja auch noch wertvolles Obst, für Brände und Säfte, aber auch zum Purgenuss. „Alte Obstsorten schmecken nicht nur lecker, sie dienen auch als Genreservoir der Vielfalt“, sagt Haas. Zudem können Streuobstwiesen auch wertvolle Erholungsräume für Famiiien sein. Der Eigentümerin der Wiese, Melanie Rombach, erging es übrigens wie so vielen Streuobstwiesenbesitzern in diesen Tagen. Seit Jahren schon hatten sie und ihre Familie es nicht mehr geschafft, die Bäume zu schneiden und das Obst zu verwerten. „Soviel Apfelmus kann ja auch kein Mensch essen“, sagt die Sulzerin. Ende der 1980er hatte sie rund 40 alte Apfel- und Birnensorten auf einem Familiengrundstück gepflanzt: Goldparmäne, Gelber Bellefleur, Gräfin von Paris – um nur einige zu nennen. Rund 20 Bäume sind übriggeblieben. „Interessenten für das Grundstück hat es gegeben, aber die Bäume hätten gefällt werden müssen“, erzählt Melanie. Doch genau das hätte sie eben nicht übers Herz gekriegt. Sie wandte sich hilfesuchend an den Südstraßenbrenner Lutz Weide, der gemeinsam mit der #heimat-Redaktion im März die Rettungsaktion startete. Inzwischen ist die Wiese wieder in einem guten Zustand, die Bäume hängen wie andernorts in der Region ordentlich voll. Viele Patenschaften konnten bereits vermittelt werden, einige sind aber noch zu haben. „Zur Erntezeit werde ich mit meiner Familie sicherlich mal hier hochkommen“, sagt Landrat Frank Scherer.

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